Meine Zeit hier in Gambia im November war die erste, in der ich kein Tagebuch geschrieben habe. Liegt das daran, dass wir uns hier mittlerweile so eingelebt haben, dass uns kaum noch etwas überraschen kann? Das glaube ich nicht. Im Gegenteil!
Gerade während der letzten Aufenthalte hier tauche ich in Bereiche ein, die mir bisher verschlossen blieben.
Seit dreizehn Jahren bin ich jedes Jahr meistens zwei Mal hier im Land. Und über die Jahre habe ich verschiedenste Menschen kennengelernt. Viele Eintagsfliegen, einige, wie Louis, den builder, über einige Jahre. Wie gerne habe ich mit Louis bei Kaffe aus Deutschland und Ingwerkeksen, die ich hier kaufe und die er so gerne mochte, zusammengesessen, und mit ihm über Gott und die Welt geplaudert? Es war so schön, mit ihm zu plaudern! Oder Banna, den ich bei meiner allerersten Reise nach Gambia kennenlernte und mit ihm und seiner Familie über viele Jahre befreundet war. Er ist so viel jünger als ich und er war so lustig! Aber mit den Jahren wurde er immer ernster, immer stiller, immer schlecht gelaunter, kritischer?
Aber Freundschaften müssen nicht zwangsläufig ein Leben lang halten. Sie können auch einfach zu Ende gehen. Das gilt hier wie da, also zu Hause, also in Deutschland.
Freunde wie Banna und Louis, denen ich mich sehr nahe fühlte, habe ich keine mehr hier. Aber ich kenne einige gute Leute. Dass es sich bei all denen um Männer handelt ist vollkommen zweitrangig und hat wohl eher mit der Kultur zu tun, aber bestimmt auch damit, dass Frauen in meinem Alter oft schlechter gebildet sind, schlechter englisch sprechen oder einfach nicht so in Erscheinung treten, weil sie ans Haus und an die Kinder gebunden sind. Und ich, als Kinderlose, mir fehlt dann oft der Zugang. Ich kann halt nicht so wie eine Mutter tüdelü und tüdela, kann auch keinen schlauen Ratschläge geben.
Oktober/November 2025
Für zwei Wochen bin ich in Gambia. Wie meistens im Herbst ohne Kurt. Momodou, die treue Seele, holt mich wie immer vom Flughafen ab und bringt mich nach Hause. Da erwartet mich Pateh schon. Schön, wieder hier zu sein! Ich richte mich ein, richte das Bett her, hänge das Mossinetz auf und genehmige mir noch ein, zwei Bier, bevor ich mich schlafen lege. Es ist heiß. Sehr heiß.
Nachts schlafe ich wie immer in der ersten Nacht hier, nicht gut. Höre viele unbekannte, oder eher ungewohnte Geräusche, dann die Muezzine, die ihre Schäflein aus allen Lautsprechern der mittlerweile zahlreicheren Moscheen zum Morgengebet rufen. Frösche die quaken. Nicht weit von hier entwickelt sich in der Regenzeit, die gerade zu Ende geht, ein Sumpf, und abends hört man dann abertausende Frösche quaken. Auch ein paar Ochsenfrösche meine ich zu vernehmen. Also viele eher bekannte Geräusche.
Der erste Morgen
Ziemlich gerädert schäle ich mich aus dem Mossinetz. Die Nacht war von erholsamen Schlaf nun wirklich nicht erfüllt, da treffe ich draußen Pateh.
Nach dem üblichen Begrüssungsgeplänkel und -ritual fragt er mich, ob ich diese Geräusche heute Nacht gehört hätte? – Ach, Du meinst die Ochsenfrösche, die irgendwo weiter weg gequakt haben? Ja, habe ich. Immer wieder interessant! Aber sie waren ja weiter weg. – Lege ich in einem Wortschwall los. Ochsenfrösche. Natürlich habe ich schon Ochsenfrösche gehört! Klar, sie machten die einzigen ungewöhnlichen Geräusche in der Nacht, aber na klar habe ich die schon mal gehört, hör mal ey, bin nich neu hier!
Und jetzt kommts! Das waren keine Ochsenfrösche, das waren Hexen, die Du gehört hast. Hast Du das gehört? Die eine rief von hier links, die andere antwortete von da hinten! – und ja, schon in der Nacht war ich ein wenig verwundert über die Geräusche der Ochsenfrösche, aber was sollte es für meinen europäischen Verstand sonst sein? Im nun folgenden Gespräch lernte ich, dass Hexen kommen, um jemanden zu holen, also, wenn jemand im Sterben liegt. – Na, Pateh, muss ich mir jetzt Sorgen machen? – Aber Pateh beruhigte mich, sie würden nur kommen um jemanden aus der Familie zu holen.
Pateh, wie sehen diese Hexen aus? Und er beschrieb sie mir und ich hatte sofort ein ganz genaues Bild vor meinen Augen. Irgendwie war und ist mir das auch heute noch komisch. Ein ganz genaues Bild.
Pateh, wie oft hörst du die Hexen bei ihrem nächtlichen Geplänkel? – Gar nicht. – Wie jetzt? Woher weißt Du, dass es Hexen waren? – Das hört man.
Okay, dann mal anders jetzt: Pateh, wann hast Du das letzte Mal Hexen gehört? – Als ich ein Kind war. – Und woher wusstest Du, dass es damals, vor ca. 40 Jahren Hexen waren? – Ich habe gefragt, was das für komische Geräusche waren, die ich gehört hatte. – Und seit dem hast Du nie wieder Hexen gehört? – Nein, erst letzte Nacht wieder.
Meine Fresse, was ist denn hier jetzt los? Muss ich das glauben, oder kann das raus? Ich entscheide mich dafür, Pateh ernst zu nehmen. Und ich habe dieses Bild von diesen Wesen vor Augen, haarscharf, noch bevor Pateh mir die Gestalt dieser Wesen beschrieben hatte, wusste ich, wie sie aussehen, hatte ich ein Bild vor Augen…