Ramadan

Ramadan, was für ein Thema! Wir erleben ihn im vollen Ausmaß mit. Wir sind sozusagen mitten hineingerasselt, in den Ramadan.
Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang darf weder gegessen noch getrunken werden. Das gilt für den/die gesunde Moslemin/Moslem, es gibt Ausnahmen.
Aktuell geht um viertel nach sieben morgens die Sonne auf und um viertel nach sieben abends unter. Also zwölf Stunden ohne Essen und Trinken.
Ich habe wohl schon mehrfach den Anfang des Ramadan erlebt, wenn die Menschen am Stöhnen sind und über Kopfweh und Magenprobleme klagen ob der plötzlichen Entsagung von Essen und Trinken. Aber als wir jetzt in Gambia ankamen, war die Hälfte des Ramadan überstanden, die Menschen hatten sich dran gewöhnt und das Leben geht halbwegs seinen gewohnten Gang.

Wahrscheinlich ist am Donnerstag der Ramadan zu Ende. Wahrscheinlich? Ja, wahrscheinlich. Nach einem langen und wie fast immer intensiven Gespräch mit Jawla habe ich jetzt verstanden, warum das Ende des Ramadan nicht immer ganz eindeutig ist. Denn ich hätte immer gesagt, ein Blick in den Kalender mit Sonnen- und Mondaufgeh – und untergehzeiten ist das Thema geritzt. Aber so einfach machen es sich die Moslem nicht. Denn wenn der Neumond in Mekka das erste Mal zu sehen ist, dauert es noch ein paar Stunden, bis er auch im westlicher gelegenen Gambia gesichtet werden kann. Wenn innerhalb dieser Stunden ein Tageswechsel erfolgt, dauert der Ramadan im westlicheren Gambia eben einen Tag länger.
Das alberne Argument, was ist, wenn es bewölkt ist? kann Jawla ganz cool vom Tisch wischen. Er erklärt mir, dass der moslemische Kalender im Schnitt 30 Tage dauert und nach 28 Tagen muss es einen Neumond geben, egal ob bewölkt oder nicht. Durch die oben genannte zeitliche Verschiebung kann es dann auch 29 Tage dauern, aber ganz sicher nie mehr als 30 Tage.
Jetzt sind wir kurz vor dem Ende des Ramadans. Die Zeit, seit dem wir wieder hier in Gambia sind, war schon sehr auffällig, wie leer der Ort ab 19.15 Uhr ist. Alle haben dann nur noch eines im Kopf: nach Hause zum Fastenbrechen.
Am Donnerstag, also in drei Tagen wird der Ramadan wahrscheinlich zu Ende sein und kaum einer kann diesen Tag noch erwarten, alle freuen sich schon darauf. Nicht nur, dass das Leben wieder zurück zur Normalität findet. Es wird gefeiert. Nicht mit Party, Tanz und Gesang, sondern mit lecker Essen, schöner Kleidung, freien Tagen. Durch en Ort bummeln, entspannt sein, Freunde, Verwandte und Nachbarn treffen. Jawla sagte: it’s colourfull. Ich freu mich auch schon drauf. Wir sind zwar nicht wirklich Teil der Community, aber diese Tage werden an uns nicht unbemerkt vorbei gehen.
Ach noch was: während essen, trinken, rauchen im Ramadan nicht erlaubt ist; Küssen ist erlaubt, sagt Jawla. Auch darf man sich seine gegenseitige Zuneigung mitteilen. Darüber hinaus sollte es aber nicht gehen…Aber ihr seid ja keine Moslem, meinte er dann noch augenzwinkernt….

Angekommen

Das die große Lampe am Tor geklaut wurde, hatte Pateh mir ja schon geschrieben. Das ist sehr ärgerlich, aber sie war wohl nicht hoch genug angebracht. Trotz der Notwendigkeit von Spezialwerkzeug um sie abzubauen war sie weg. Tja…..

Morgens nach unserer Ankunft kam Momodou mit seinem Taxi vorbei, denn ich hatte im Herbst vergessen, das Kabel von der Autobatterie ab zu machen, und jetzt war sie vermutlich leer gelaufen und deshalb brauchte ich seine Starthilfe. Er kam, wir öffneten das Auto, die Kühlerhaube – und jetzt durfte Kurt auch mal erleben, wie das so ist – wenn da keine Batterie ist, im Auto, wo eigentlich doch eine sein sollte? Anstatt der Batterie lag da ein großer Haufen Geckokacke, gekrönt von einer toten, halb verwesten Maus.

Jetzt, anderthalb Wochen später, hängt in über 5 Meter Höhe eine neuen Lampe am Tor und die Autobatterie ist längst ersetzt. Wir haben eine gute Zeit!

Rückblick auf den November 2025

Meine Zeit hier in Gambia im November war die erste, in der ich kein Tagebuch geschrieben habe. Liegt das daran, dass wir uns hier mittlerweile so eingelebt haben, dass uns kaum noch etwas überraschen kann? Das glaube ich nicht. Im Gegenteil! 

Gerade während der letzten Aufenthalte hier tauche ich in Bereiche ein, die mir bisher verschlossen blieben. 

Seit dreizehn Jahren bin ich jedes Jahr meistens zwei Mal hier im Land. Und über die Jahre habe ich verschiedenste Menschen kennengelernt. Viele Eintagsfliegen, einige, wie Louis, den builder, über einige Jahre. Wie gerne habe ich mit Louis bei Kaffe aus Deutschland und Ingwerkeksen, die ich hier kaufe und die er so gerne mochte, zusammengesessen, und mit ihm über Gott und die Welt geplaudert?  Es war so schön, mit ihm zu plaudern! Oder Banna, den ich bei meiner allerersten Reise nach Gambia kennenlernte und mit ihm und seiner Familie über viele Jahre befreundet war. Er ist so viel jünger als ich und er war so lustig! Aber mit den Jahren wurde er immer ernster, immer stiller, immer schlecht gelaunter, kritischer? 

Aber Freundschaften müssen nicht zwangsläufig ein Leben lang halten. Sie können auch einfach zu Ende gehen. Das gilt hier wie da, also zu Hause, also in Deutschland. 

Freunde wie Banna und Louis, denen ich mich sehr nahe fühlte, habe ich keine mehr hier. Aber ich kenne einige gute Leute. Dass es sich bei all denen um Männer handelt ist vollkommen zweitrangig und hat wohl eher mit der Kultur zu tun, aber bestimmt auch damit, dass Frauen in meinem Alter oft schlechter gebildet sind, schlechter englisch sprechen oder einfach nicht so in Erscheinung treten, weil sie ans Haus und an die Kinder gebunden sind. Und ich, als Kinderlose, mir fehlt dann oft der Zugang. Ich kann halt nicht so wie eine Mutter tüdelü und tüdela, kann auch keinen schlauen Ratschläge geben. 

Oktober/November 2025

Für zwei Wochen bin ich in Gambia. Wie meistens im Herbst ohne Kurt. Momodou, die treue Seele, holt mich wie immer vom Flughafen ab und bringt mich nach Hause. Da erwartet mich Pateh schon. Schön, wieder hier zu sein! Ich richte mich ein, richte das Bett her, hänge das Mossinetz auf und genehmige mir noch ein, zwei Bier, bevor ich mich schlafen lege. Es ist heiß. Sehr heiß.

Nachts schlafe ich wie immer in der ersten Nacht hier, nicht gut. Höre viele unbekannte, oder eher ungewohnte Geräusche, dann die Muezzine, die ihre Schäflein aus allen Lautsprechern der mittlerweile zahlreicheren Moscheen zum Morgengebet rufen. Frösche die quaken. Nicht weit von hier entwickelt sich in der Regenzeit, die gerade zu Ende geht, ein Sumpf, und abends hört man dann abertausende Frösche quaken. Auch ein paar Ochsenfrösche meine ich zu vernehmen. Also viele eher bekannte Geräusche.

Der erste Morgen

Ziemlich gerädert schäle ich mich aus dem Mossinetz. Die Nacht war von erholsamen Schlaf nun wirklich nicht erfüllt, da treffe ich draußen Pateh. 

Nach dem üblichen Begrüssungsgeplänkel und -ritual fragt er mich, ob ich diese Geräusche heute Nacht gehört hätte? – Ach, Du meinst die Ochsenfrösche, die irgendwo weiter weg gequakt haben? Ja, habe ich. Immer wieder interessant! Aber sie waren ja weiter weg. – Lege ich in einem Wortschwall los. Ochsenfrösche. Natürlich habe ich schon Ochsenfrösche gehört! Klar, sie machten die einzigen ungewöhnlichen Geräusche in der Nacht, aber na klar habe ich die schon mal gehört, hör mal ey, bin nich neu hier!

Und jetzt kommts! Das waren keine Ochsenfrösche, das waren Hexen, die Du gehört hast. Hast Du das gehört? Die eine rief von hier links, die andere antwortete von da hinten! – und ja, schon in der Nacht war ich ein wenig verwundert über die Geräusche der Ochsenfrösche, aber was sollte es für meinen europäischen Verstand sonst sein? Im nun folgenden Gespräch lernte ich, dass Hexen kommen, um jemanden zu holen, also, wenn jemand im Sterben liegt. – Na, Pateh, muss ich mir jetzt Sorgen machen? – Aber Pateh beruhigte mich, sie würden nur kommen um jemanden aus der Familie zu holen.

Pateh, wie sehen diese Hexen aus? Und er beschrieb sie mir und ich hatte sofort ein ganz genaues Bild vor meinen Augen. Irgendwie war und ist mir das auch heute noch komisch. Ein ganz genaues Bild.

Pateh, wie oft hörst du die Hexen bei ihrem nächtlichen Geplänkel? – Gar nicht. – Wie jetzt? Woher weißt Du, dass es Hexen waren? – Das hört man.

Okay, dann mal anders jetzt: Pateh, wann hast Du das letzte Mal Hexen gehört? – Als ich ein Kind war. – Und woher wusstest Du, dass es damals, vor ca. 40 Jahren Hexen waren? – Ich habe gefragt, was das für komische Geräusche waren, die ich gehört hatte. – Und seit dem hast Du nie wieder Hexen gehört? – Nein, erst letzte Nacht wieder. 

Meine Fresse, was ist denn hier jetzt los? Muss ich das glauben, oder kann das raus? Ich entscheide mich dafür, Pateh ernst zu nehmen. Und ich habe dieses Bild von diesen Wesen vor Augen, haarscharf, noch bevor Pateh mir die Gestalt dieser Wesen beschrieben hatte, wusste ich, wie sie aussehen, hatte ich ein Bild vor Augen…

Momodou und die Waschmaschinen

von Andrea

Weil ich mir nicht sicher war, ob ich das Water Office in Brikama wiederfinden würde, bat ich Momodou, mich mit seinem Taxi dorthin zu fahren. Ich mag Momodou, dass muss ich wohl nicht mehr erklären. Und so entwickelte sich ein spannendes Gespräch zwischen uns beiden. Es ging ums Wasser, bzw. Wasserverbrauch. „Der ist bei uns nicht so groß.“ sagte ich. Wir brauchen etwas Wasser für den Garten, aber nicht viel, wir bauen ja nichts wirklich an. Dann Kaffee kochen und duschen. Und seit dem ich Queens Laundry entdeckt habe, lass ich dort unsere Wäsche waschen, jedenfalls die großen Teile wie Handtücher, Bettwäsche, Jeans. Ich erzähle Momodou, dass ich die kleineren Sachen natürlich selber wasche, aber dass ich es einfach nicht gewohnt sei, Wäsche mit der Hand zu waschen. Momodou wurde ob meiner Schilderungen immer stiller, aber auch interessierter. Er ist jemand, der sich für anderer Menschen Lebensgewohnheiten interessiert, geradezu in sich aufsaugt. Und so erzähle ich ihm weiter, dass ich mit den Händen eigentlich gar nicht richtig Wäsche waschen kann, weil ich es schlichtweg nicht gewohnt bin. – Nicht gewohnt bist? -fragt er in seiner unnachahmlichen Art. Nein, bei uns hat jeder eine Waschmaschine. – Jeder? – Ja, jeder. Jeder hat bei uns eine Waschmaschine. Ich kenne niemanden, der keine hätte. Und nicht nur das, viele haben auch noch einen Trockner, der die Wäsche dann trocknet. Das ist sinnvoll, weil im Winter die Wäsche oft mehrere Tage braucht, bis sie auf der Leine trocken wird. – Mehrere Tage? Jeder hat eine Waschmaschine? Nee, also das ist hier anders. Waschmaschinen sind teuer. Sie brauchen Strom und Wasser. Ich habe Wasser aus meinem eigenen Brunnen und auch Strom, aber eine Waschmaschine ist für mich nicht denkbar. Das ist zu teuer.

Und dann auf dem Rückweg vom Water Office fragt Momodou: und, wie war’s? Ich sage, sie wollten kein Geld! Ich hätte ja keine Rechnung. Ich solle wieder kommen, wenn ich eine Rechnung hätte. Momodou versteht die Welt nicht. Er sagt: „Fahr da nicht mehr hin. Du fährst da hin, sie lassen Dich warten und dann kannst Du nichts bezahlen. Fahr da nicht noch einmal hin! Das ist Zeitverschwendung!“

Das Sprichwort sagt: „die Afrikaner erfanden die Zeit, die Europäer die Uhr.“

Irgendwann werden Momodou und seine Familie eine Waschmaschine haben.

Unerwartetes Erwachen

von Andrea

Sehr früh morgens wache ich vom Gebet der Muhezin auf. Es gibt hier einige Moscheen in der Umgebung, und Dank Lausprechertechnik gelangen die Gebete bis in unser Schlafzimmer. Das erste Nachtgebet verschlafen wir in der Regel, aber das nächste um fünf Uhr, jetzt um sechs Uhr, oft nicht. Das ist dann, als würde sich ein Schirm aus gesprochenen und gesungenen Gebeten über uns, über den Ort wölben, und man fühlt sich irgendwie gut aufgehoben, schläft dann wieder ein. Ich muss das in der Nacht nicht haben, aber dass ist hier, im muslimischen Gambia nun mal so, und das ist in Ordnung.

Anders sind diese merkwürdigen Veranstaltungen Freitagabends, manchmal auch Samstagabends. Wie gestern. Ich habe immer vermutet, dass es sich um irgendwelche irrlichternder politischer Minderheiten handelt, die unerträglich hasserfüllte Mitteilungen per Lautsprecheranlage auf ausgesprochen aggressive Art und Weise unters Volk bringen wollen. Gemischt mit seltsam klingender Musik und Gesang aus gestörten Kehlen und DJ-Gesabbel. Einfach unerträglich. Mich macht das regelrecht aggressiv.

Gestern Abend sind Kurt und ich noch ein wenig durch die Nachbarschaft spaziert und kamen auch schon bald an der hiesigen katholischen Kirche vorbei. Luftlinie keine fünfhundert Meter von uns entfernt. Da war ein Chor am üben und es klang so heimisch! So wie früher zu Hause auf dem Hof meiner Eltern. Nebenan die Kirche und einmal übte der Chor, einen anderen Tag in der Woche der Posaunenchor. Das ist für mich Dorf, sowas wie Heimat, Zuhause, da gehör ich hin, da komm ich jedenfalls her. Und das Üben des Chors in der katholischen Kirche hier in Sanyang erinnerte mich an früher.

Kurt und ich spazierten weiter durch die Gemeinde und kamen zu Hause, also in unserem Haus in Sanyang an, und machten es uns gemütlich. Für diesen Urlaub hatten wir beschlossen, keine Nachrichten übers Internet zu schauen. Wir hatten genug Belastungen, GERDA, unser heissgeliebtes Wohnmobil war ausgebrannt, im Februar hatten wir beide mit einer Grippe zu kämpfen, dazu ein Besuch einer kleinen Sonde an meinem Herzen, wir wollten einfach Ruhe.

Und dann saßen wir nach unserem Spaziergang bei unserer Literatur, und dieser Chorgesang fing an. Aus der Kirche. Und dann kam irgendwann die Predigt, ein Zwiegespräch zwischen zwei lauten Männerstimmen, aggressiv und einschüchternd, schreiend, schimpfend – beängstigend und klingend, als seien diese Stimmen voller Hass und gegenseitiger Respektlosigkeit. Schrecklich! Einfach fürchterlich! Das alles kam aus der katholischen Kirche. Wäre ich eine Ungläubige, ich würde mich da nicht hin trauen! Aber auch als gläubiger Mensch, der oder die ich bin, macht mir das Geschehen dort eher Angst. Komische Glaubenswelt.

Heute im Water office in Brikama

von Andrea

Das brannte mir schon seit sehr langer Zeit unter den Nägeln. Wasser bezahlen. Wir bekommen ja Wasser aus der öffentlichen Wasserversorgung. Aber seit einiger Zeit, man kann mittlerweile auch von Jahren sprechen, bekommen wir keine Rechnungen mehr. Es kam auch nur die ersten ein, zwei Jahre jemand zum Ablesen der Wasseruhr. Es gab dann monatlich eine Rechnung, und wenn ich hier war, hab ich die geschnappt, bin zum Wateroffice nach Brikama und hab sie bezahlt.

Als gewissenhafte und anständige Bürgerin bin ich heute also mit meiner letzten Rechnung aus 2021 nach Brikama ins Water Office. Bis ich im richtigen Büro landete, hatte man mich ein paar mal hin und hergeschickt. Und so landete ich in diesem Büro, das recht klein war. Durch die Glastür konnte ich sehen, dass dort drinnen zwei Schreibtische standen. Einer direkt gegenüber der Tür und dann davon links noch einer. An dem waren der Schreibtischmann und ein Kunde in schier unendliche Diskussionen vertieft. Am Schreibtisch gegenüber der Glastür saß ein mächtiger Mann, der mir beschied, dass sein Kollege für mich zuständig sei, nachdem ich ihm meine Rechnung gezeigt hatte.

Aber um in das Büro überhaupt hineinzukommen, musste ich die Glastür einen Spalt öffnen, mich durch diesen Spalt hindurch nach rechts durchschieben (mit angehaltener Luft), noch mal tief durchatmen, Tür jetzt schließen und drin war ich. Es dauerte dann einige Zeit, bis die Diskussion am anderen Schreibtisch beendet war und ich an die Reihe kam.

Und während ich da stand und wartete, stand der Mächtige auf und verließ das Büro plötzlich. Dafür polterten zwei Typen herein. Der eine mit einem merkwürdigen Gerät, dass sich als Geldzählmaschine entpuppen sollte, der andere mit einem viertel Kubikmeter Geldscheinen. Dann kam noch einer, der Banderolen für die gezählten Geldscheine und einen Stempel dabei hatte, mit dem er die gezählten Geldbündel mit Datum und dem Hinweis auf Richtigkeit abstempelte. Und dann ging es los, die Geldzählmaschine ratterte, der Banderolenstempelmann stempelte und Haufen (nicht Häufchen) von Geldbündeln türmten sich auf dem Schreibtisch des Dicken. Der wiederum, der Dicke, also der mächtige Schreibtischmann, hatte sich auf den Tresor gesetzt, der, wenn man durch die Glastür ins Büro kam, gleich rechts stand. Der konnte da gut sitzen. Der hatte nicht viel zu tun.

Irgendwann war ich mit meinem Anliegen fertig und der Dicke, der noch immer auf dem Tresor saß, öffnete mir die Tür. Soweit, dass sie an seinen der Tür gegenüber stehenden Schreibtisch anschlug. So konnte ich da nicht rauskommen. Das erkannte der Dicke dann auch schnell und es entstand ein rechtes Gewurschtel zwischen ihm auf dem Tresor sitzend, der Tür, dem Schreibtisch und mir, bis ich das Büro verlassen konnte. Die Geldzählmaschine ratterte derweil immer weiter…

Und die Wasserrechnung? So richtig verstehe die Kollegen dort wahrscheinlich nicht, aber ich habe den Eindruck, wir sind aus dem System geflogen. Das ist dort alles ganz modern mit Computer und so. Das ist alles ok. Möglich ist es vielleicht auch, dass unser Wasserverbrauch so gering ist, dass es nicht lohnt, das jemand vorbei kommt, den Zähler abließt und dann eine Rechnung schickt. Jedenfalls wurde mir mittlerweile zum dritten Mal mitgeteilt, dass ich erst zahlen kann, wenn ich eine Rechnung habe. Tja Mensch, dann eben näch!

Badeurlaub

von Andrea

Sonntag 11.00 Uhr am Strand. Endlich hat dieser scheisskalte Wind vom Meer her aufgehört zu blasen! Wir kriegen heute 41 Grad im Schatten. Laut Wetterapp. Auch die Tage, die ganze Zeit zuvor, war es warm, aber der starke Wind vom Meer war kalt und hat einem das Baden vermiest. Jetzt ist es so, wie es sein soll. Was haben wir es gut! Wir liegen auf den Strandliegen, lesen, gehen ins Wasser, duschen unter den Duschen am Strand. Trinken Zapfbier aus Portugal, dass über Portugals ehemaliger Kollonie Guinea-Bissau in Fässern ins Land kommt, und genießen das Leben.

Eine Clique ziemlich aufgepeppter Afrikanerinnen läuft ein, offensichtlich eingeladen zu einer Geburtstagsfeier. Chick und sexy sehen sie aus, sind gut drauf. Es gibt ein riesiges Geburtstagshallo.

Es ist heute voller geworden, als vom Personal erwartet. Sie sind unterbesetzt und haben sehr viel zu tun. Und dann immer das Laufen mit den Händen voller Teller durch den Strandsand. Ein Hammerjob.

Von der Geburtstagsclicke singt Bob Marley aus der selbst mitgebrachten Partybox „So much troubel in the world….“ und ich denke: ja, Bob, Recht hast Du! Aber heute machen wir eine Pause. Heute wollen wir Strand und Leichtigkeit, Bier, Liebe und gutes Essen. Wir brauchen eine Pause from all this trouble in the world.

Ibrahim, ein durch und durch sympathischer Mitarbeiter von Jawlas Crew, irgendwo Mitte Zwanzig und ein drahtiger, immer lockerer Typ, ist am Ende seiner Kräfte: „This life is not in balance!“ sagt er. Und grinst schon wieder. Den Spruch finde ich umwerfend. This life is not in balance. Darauf muss man erstmal kommen.

Dann erscheint Jawla. Mit seinem Hund. Es ist ein anderer Hund wie noch vor anderthalb Jahren. Da hatte er einen jungen Schäferhund. Vielleicht hat er mehrere Hunde. Dieser Hund heißt Dabala, auf deutsch: don’t let anybody in. Oder auch: lass niemanden herein. Er, der Hund, ist sehr lieb.

Das Ende des Ramadan

von Andrea

Das Ende des Ramadan hat mit dem Neumond zu tun. Mit Beginn des Neumondes ist der Ramadan zu Ende. Der Neumond, man kann Folgendes einfach glauben, ich habe das alles gerade recherchiert, weil ich mir so meine Gedanken machte und Fragen hatte…Fragen, die ich niemanden aus Charme ob meiner Unwissenheit stellen mochte. Und ich behaupte, ich bin/war damit nicht allein. Mit dieser Unwissenheit.
Also der Neumond. Der Neumond schließt sich dem abnehmenden Mond an. Der Mond steht dabei zwischen Sonne und Erde, und weil er von hinten, also von uns aus gesehen seine Rückseite von der Sonne bestrahlt wird, nehmen wir ihn bei uns auf der Erde nicht war. Er, der Mond, ist ja nicht selber strahlend wie z.B. ein Stern, sondern strahlt, weil er von der Sonne angestrahlt wird, reflektiert also das Sonnenlicht nur. So. Der Neumond. Ihm folgt der zunehmende Mond. Aber der ist hier jetzt unwichtig, ich weise nur der Vollständigkeit wegen auf ihn hin.

Also der Neumond. Der steht für Neubeginn u.s.w. und das ist im Zusammenhang mit dem Ramadan ja nicht unwichtig. Nach der ganzen Plackerei mit der Enthaltsamkeit, zumindest tagsüber, und den damit verbundenen Unannehmlichkeiten wie Hunger, Durst, Müdigkeit, Kopfschmerzen und nicht zuletzt, oder auch gerade zuletzt, Magen-Darm-Problemen aufgrund der nächtlichen Völlerei, ist ein Neuanfang in jeder Hinsicht eine gute Idee. Der, also der Neuanfang, also den, den Neuanfang mit dem Neumond zu beginnen, macht wohl durchaus Sinn, wenn man das Ganze wohlwollend betrachtet. Das möchte ich zumindest versuchen. Soweit. So klar. Ramadanende mit Beginn des Neumondes.

Jetzt aber kommt es dicke. Das Ende des Ramadan wird nicht auf der ganzen Welt zum selben Zeitpunkt, also zumindest mal am selben Tag gefeiert. Das ist nachvollziehbar, denken wir nur an Sylvester. Das zieht sich ja auch einmal um den ganzen Erdball rum und man könnte meinen, es hört nie auf. Aber natürlich ist es einen Tag später vorbei. An der Datumsgrenze.

Wenn also in Mekka oder Medina die Weisen nächtens vors Haus geschickt werden, um zu schauen, was mit dem Mond los ist und sie befinden, das der Neumond morgen beginnt, ist morgen der Ramadan zu Ende. Da kann man nur hoffen, das nicht gerade ein Gewitter aufkommt und der Himmel wolkenverhangen ist. Aber ich vertraue den Weisen aus dem Morgenland und baue darauf, das sie zumindest in diesem Zusammenhang die richtige Entscheidung treffen.

Nun wandert der Neumond weiter. Von Ost nach West. Wie auch unsere Sonne, geht der Mond, egal ob neu, zu- oder abnehmend, voll oder nicht, immer im Osten auf und wandert gen Westen. Das muss nicht zwangsläufig nachts geschehen, kann aber. Das ist dann noch mal ein anderes Thema.

Eigentlich ist es noch einfacher. Der Neumond erscheint dann, wenn vom abnehmenden Mond keine Sichel mehr zu sehen ist. Das passiert zu einem ganz genauen, berechenbaren Zeitpunkt. Je nach Zeitzone ist dieser Moment im Osten früher als im Westen.

Also irgendwann kommt der Neumond, den keiner sehen kann, in Gambia an. Gambia ist ein kleines Land und liegt sehr weit westlich von Medina und Mekka. Es wäre also aus meiner Sicht der Dinge sehr in Ordnung, wenn das Ende des Ramadan hier einen Tag später als in Mekka oder Medina beginnen würde (siehe Sylvester). Tut, oder tat es aber nicht. Jedenfalls nicht überall.

Und jetzt kommen zwei sehr bemerkenswerte Anmerkungen, Beobachtungen, Begebenheiten, wie soll ich es ausdrücken?

Gambia ist ja ein recht kleines Land, das sich im Wesentlichen von Westen nach Osten erstreckt (oder umgekehrt, ist vielleicht nicht unwichtig). Auch hier in Gambia wurden nächtens weise Männer an die frische Luft gestellt um zu schauen, wann mit dem Neumond zu rechnen ist. Erstaunlicherweise endete der Ramadan aufgrund der Neumondsichtung am verkifften Strand vom Paradies Beach am Sonntag, und zwar morgens um sieben, vorm hell werden. Das heißt, der Ramdan endete für den beinharten Moslem eigentlich schon am Samstagabend, als die Parties losgingen. Denn im Dunkel wird gevöllt. Und dann ist es Sonntagmorgen sieben Uhr, der Ramadan ist zu Ende, es wird Tag und alles ist schön.

Erstaunlicherweise, und jetzt kommt es richtig dicke, haben die an die frische Luft gestellten Weisen im Osten des kleinen Gambias den Neumond erst für den Montag kommen sehen. Eiderdaus! Wer findet den Fehler? Was ist da los, im Osten? Jedenfalls musste unser in Janjanbureh, also weit im Osten lebender Freund Banna einen Tag länger sich durch Müdigkeit, Durst, Hunger und Durchfall quälen als die Menschen im Westen an der verkifften Atlantikküste.

Mir stellen sich zwei Fragen: wie kann der Neumond schneller im Westen an der verkifften Atlantikküste angekommen sein und, und diese Frage ist wahrscheinlich vollkommen unangebracht, aber warum nicht ins Internet schauen und Onkel Google aufrufen? Da ist von ebenfalls weisen Männern, sogenannten Wissenschaftlern oder auch Wissenschaftlerinnen der Mondstand berechnet, es stimmt und man muss dafür keinen nächtens nach draußen vors Haus stellen. Ich meine ja nur….

Ein Loch ist im Boden

von Andrea

Ein Loch im Boden ist ja erstmal nichts Schlimmes. Auf dem Bild kann man es unten rechts in der Ecke unter der Wurzel sehen. Diese Wurzel gehört zu einem riesigen Baum auf unserem Grundstück. Der Baum ist der Tallobaum. Seine Früchte reifen im Oktober/November, fallen auf den Boden und sind bei Jung und Alt außerordentlich beliebt. Sie sind von der Form einer Kiwi sehr ähnlich und auch innen sind sie gritzegrün. Allerdings sehr, sehr faserig. Man kann sie auslutschen, oder Saft von ihnen machen. Ich mach das nicht, weil sie auch unfassbar sauer sind. Aber auch sehr reich an Vitamin C.
Jeden Herbst gibt es eine regelrechte Schlacht um unsere Tallofrüchte. Als gäbe es ohne unserer Tallos kein Morgen, versuchen Kinder in unser Grundstück einzudringen und die Früchte zu klauen. Es gibt keine Handhabe dagegen, außer man setzte sich während der Tallozeit unter den Baum und bewachte ihn. Aber das ist ja irgendwie auch sehr kindisch. Pateh hat auch schon Tallokinderdiebe geschnappt und bei der Polizei vorgeführt. Genutzt hat’s nix.

Jahrelang wurden wir nur in Verbindung mit Mr. T als richtige Menschen wahrgenommen. Von T, ausgesprochen „Tie“, englisch halt, hatten wir das Grundstück damals gekauft. Mittlerweile treffen wir Menschen, die T nicht kennen, aber uns in Zusammenhang mit dem Grundstück mit dem großen Baum bringen. Auch fast alle Kinder in der Straße, die zu unserem Haus führt, kennen mittlerweile meinen Namen und beweisen dieses bedeutende Wissen gern mit im Chor laut gerufenen „Andrrria!!!“, wenn ich vorbei fahre oder gehe. Das ist nicht immer so richtig schön, aber schön ist es, sich von T zu emanzipieren und selber an Bedeutung zu gewinnen.

Pateh sagt, in dem Loch im Boden unter der Wurzel wohnt eine zwei, drei Meter lange, dicke Schlange, ein Python. Aber das macht nichts. Pythons sind Würgeschlangen und Schlangen fänden uns Menschen sowieso doof und würden eher weglaufen, wenn sie uns sehen. Nicht mal riechen mögen sie uns! Wenn ich nun in unserem Bantaba sitze, so wie Kurt gerade auf dem Foto oben, habe ich immer ein Auge auf das Loch gerichtet. Ich möchte so gern mal sehen, wie die Schlange das Loch verlässt und vor uns flüchtet…

Dann haben wir einen weiteren Mitbewohner, oder eher eine Mitbewohnerin, eine Waranin. „It’s an animal that looks like a snake but has four legs and a small head.“ erklärte Pateh. Letztes Jahr hatte sie zwei Kleine! Sie wohnt weiter vorne auf dem Grundstück, auch in einem Loch im Boden. Aber sie sei sehr schüchtern. Wenn ich mich nicht ganz und gar verguckt habe, habe ich eines der Jungen heute Morgen vorbeieilen sehen. Es ist die Palme auf dem Nachbargrundstück hochgeeilt.

Ein Gefühl der Leichtigkeit

von Andrea

….stellt sich ein. Auch wenn auch hier nichts leicht ist.

Fangen wir doch bei den Eiern an?! Nie waren sie teurer. Vor Jahren saß ich in Jawlas Rainbow Lodge morgens fassungslos vor meinem Frühstücksei. Es war gestempelt. Ein Stempel aus der Europäischen Union, genauer: aus Polen. Ein Ei aus polnischer Käfighaltung im Eierbecher zu meinem Frühstück in Gambia, Westafrika. Hartgekocht, versteht sich! Wegen der Salmonellengefahr, die Eier nun mal so mit sich bringen. Wieviel damals ein Ei gekostet hat, weiß ich nicht. Aber bis vor einem Jahr kostete ein Ei aus Europa 7 Dalasi. Die wenigen Eier aus hiesiger Zucht das selbe. Jetzt kostet ein Ei ohne europäischen Stempel 13 Dalasi.

Es war absehbar, aber ich hatte gehofft, dass es nicht eintreffen würde. Und ich hatte keine Vorstellung, wie schnell es geschehen würde/könnte? „Die Fischer bringen keine Fische mehr nach Hause.“ Sagt Jawla. Ein grätiger, nicht essbarer, nur zum auskochen geeigneter Bongafisch kostet jetzt nicht mehr 3 Stück für 5 Dalasi, sondern 25! Alles ist teurer geworden. Der Liter Diesel kostet 80 Dalasi, ein Euro entspricht 70 Dalasi.
Die chinesische Fischfabrik liegt anscheinend in ihren letzten Zügen, weil sie nicht mehr genug Fisch angeliefert bekommt, um das in ihr produzierte Fischmehl an die norwegischen Lachszuchten, deren Produktion auf unseren Tellern in Arpke landen, zu liefern. Der Kreislauf schließt sich, und wir stehen sehenden Auges vor dieser Katastrophe und was tun wir? Können wir etwas tun?

Noch gab es keine Gelegenheit mit Jawla, mit dem ich so gerne philosophiere, über all die Dinge, die die Welt gerade verändern, zu reden.

Und ich frage mich: Jammern wir zu viel? Auf hohem Niveau? Sind wir so dermaßen verwöhnt? Oder sind die Menschen hier leidensfähiger? Und macht das Sinn? Ist das in Ordnung? Sollten wir uns was abschauen?
Ich weiss es nicht! Keine, auch nicht die geringste Ahnung! Aber ich spüre eine Leichtigkeit, wie lange nicht mehr. Mag am langen Winter zu Hause liegen, sonst war ich im Oktober/November immer für eine Weile hier und konnte Sommer genießen…das fiel im letzten Herbst wegen meines gebrochenen Armes aus. Aber hier, in der Sonne, in der Wärme, da geht es mir gut. Eine gewisse Leichtigkeit hat mich eingeholt. Eine Leichtigkeit, die wohltut. Tanzen, singen, albern sein. Das ist schön!