Nun bin ich kein Meteorologe und auch keine Meteorologin. Ich habe mich mit der Konstellation Erde, Sonne, Erdachse, das eiern der Erdachse und Polarkreis auseinander gesetzt. Ich habe verstanden, wie es zur Polarnacht und zur Mittsommernacht kommt. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie Polarnacht aussieht. Wie das ist. Jemand in Deutschland schwärmte mir von diesem wunderschönen Licht vor, diesem rosafarbenen Himmel. Jetzt weiß ich, was sie damit meinte. Wenn man es geschafft hat, nördlich des Polarkreises zu kommen, geht nicht plötzlich das Licht aus. Von wegen zack dunkel. So läuft das nicht. Die Sonne scheint ja trotzdem noch. Sie schafft es nur nicht mehr über den Horizont, über den Polarkreis. Aber sie beleuchtet den Himmel. So muss man sich das wohl vorstellen. Je weiter man Richtung Norden kommt, desto dunkler wird es dann, aber davon sind wir noch weit entfernt. Hier beginnt morgens gegen halb neun der Tag am Horizont. Ganz vorsichtig und zurückhaltend. Dann bleibt es lange, bestimmt zwei Stunden hell wie an einem schönen Wintermorgen, nur bleibt es so lange so jungfräulich hell, so ein frisches, unverbrauchtes Hell. Und dann wirkt dieses Licht plötzlich verbraucht und es geht allmählich und über Stunden in Dunkelheit über, bis es um allerspätestens 15.00 Uhr stockfinstere Nacht ist. Die Farben, die in dieser Weltengegend an den Himmel gemalt werden und sich immer wieder ändern, dieses Schauspiel der Natur, dass ist mit Worten und Fotos kaum zu beschreiben. Es ist einfach umwerfend schön. Es ist dramatisch, es treibt mir Tränen vor Unfassbarkeit und der Dankbarkeit in die Augen.
Nordkap oder nicht Nordkap,
das war für ein paar Tage die Frage. Natürlich wollten wir ans Nordkap, das war unser erklärtes Ziel. Im Laufe der ersten Tage wurde dann klar, wieviel Kilometer wir am Tag fahren, ohne dass es unangenehm wird. Das waren dann nicht mehr gut 500km wie in den ersten drei Tagen, sondern um die 200 Kilometer. Die Straßen sind geräumt, aber nicht Schnee- und Eisfrei. Mit unseren sehr guten Winterreifen fühlt sich eine Geschwindigkeit jenseits der 70 km/h nicht mehr sicher an. Die Schweden mit ihren speziellen Articreifen lachen da nur müde drüber und rauschen mit 100 km/h an uns vorbei.
Am Nordkap ist es nicht unbedingt kalt, aber andere Wetterkapriolen sind dafür an der Tagesordnung, Wetter wie Sturm und Schnee. Und das Wetter kann dort nicht nur sehr kurzfristig umschlagen, sondern auch zu Strassensperrungen führen. Oder man muss auf das Räumfahrzeug warten, gegebenenfalls Stunden. Das alles sagt uns WetterOnline allerdings nicht. Dafür geht man auf entsprechende Homepages der entsprechenden norwegischen Behörden.
Und so trafen wir hier im Camp ein Paar, das gerade einen erfolglosen Versuch hinter sich hat, ans Nordkap zu kommen. Ins Schwärmen kamen Sie über diesen misslungenen Versuch nicht unbedingt, auch wenn es landschaftlich umwerfend schön war…
Unsere Entscheidung, die wir seid Tagen vor uns her schoben und immer mal wieder vorsichtig diskutierten, war damit gefallen. Wir haben für einen solchen Versuch alle möglichen Kapazitäten. Wir haben genug Strom an Board, die Heizung funktioniert, genug Essen und Trinken ist da. Im Großen und Ganzen sind wir gut vorbereitet. Einzig an Zeit mangelt es uns. Zusammengerechnet müssten wir, wenn’s gar nicht mal so blöd läuft, trotzdem täglich, ohne einen Pausentag fahren, wenn wir pünktlich wieder in Arpke sein wollen, bzw. müssen, weil unser Urlaub irgendwann zu Ende ist und Kurt wieder arbeiten muss. Und das geht einfach nicht. Und das wollen wir beide nicht. Für mich ist klar, dass ich diese Reise auf gar keinen Fall missen möchte. Ich bin froh und dankbar, dass wir das Abenteuer angegangen sind, aber ich weiß auch, dass ich nie wieder hier her kommen werde. Die mediterrane Leichtigkeit Südeuropas, die köstliche Küche dort – das liegt mir mehr! Aber wenn ich schon mal hier im Norden Europas bin, dann möchte ich auch Zeit haben. So wie heute, als wir kurzfristig doch noch eine Hundschlittentour mitmachen konnten. Ungewaschen, vom Frühstück weg. Egal, dann wasche ich mich danach. Egal, dann fahren wir eben morgen weiter! Ist ja auch so schön hier. So soll Urlaub sein.
es läuft
Wir haben gerade eine Glückssträhne! Gestern kamen wir im Lapeasuando Camp an und wurden aufs freundlichste Willkommen geheißen, und ob wir auch gleich ne heiße Suppe im Restaurant möchten? Na klar! Ein Tischnachbar schwärmte in den allerhöchsten Tönen von dem ukrainischen Koch und seinen nicht zu übertreffenden Kochkünsten. Und er hatte recht, die Kirchererbsensuppe war um Längen besser als unsere Dosensuppen. – Sollten wir nach der Veggiepizza in Lulea im Gourmetparadies gelandet sein? – Ja, das sind wir! Auch das Abendessen war vorzüglich.
Leider gab es für den nächsten Tag keine freien Plätze mehr für die Hundeschlittentouren, die von Natalie, einer Frau aus Rosstock und die Chefin hier, angeboten werden.
Na gut. Dann fahren wir morgen weiter, rüber nach Finnland. Abends in GERDA musste ich die Erfahrung machen, dass die Hundeschlittentouren in Finnland entweder für die nächsten zwei Wochen ausgebucht sind, oder überhaupt erst wieder im März angeboten werden. Einzig in Rovaniemi, dem Weihnachtsmanndorf in Finnland, werden Schlittenhundetouren angeboten. Und zwar viele. Sehr viele. Man kann auch sagen, sehr, sehr viele, oder auch zu viele. Aber schauen wir mal, wenn wir erstmal in Finnland sind, da werden wir hoffentlich noch kurzfristig was finden….
Und heute Morgen, wir bereiteten schon unsere Weiterfahrt vor, hieß es, zwei Gäste sind nicht gekommen! Geht in den Schuppen, zieht Euch Stiefel und Overalls an, Ihr kommt mit! Jippieeee!
Die erste Hälfte der Strecke saß ich auf dem Schlitten und Kurt fuhr, dann haben wir getauscht. Fünf Hunde zogen uns wie die Dolldeppen durch die polarnächtliche, von der unsichtbaren Sonne beleuchteten Winterlandschaft über Seen und durch Wälder. Und das Licht. Unbeschreiblich! Rosa, türkis, blau, lila – es ist mit Worten nicht zu beschreiben, wie schön das alles war! Und die Hunde! Die drehten beim Anspannen durch! Die wollten los! Die wollten laufen! Und machten einen Höllenlärm! Fünf zogen uns und unseren Schlitten. Und als die Bremse vom Schlitten endlich gelockert wurde, ging es in rasantem Tempo auch sofort los und Stille kehrte ein. Himmel, es war so schön! So schön! So schön, dass wir das Glück hatten, das zwei Gäste nicht kamen und wir diese Tour hier in der Nordschwedischen Einsamkeit und Wildnis machen durften!
Apropo Wildnis: um möglichst viele Klischees zu bedienen kreuzte auch noch ein Elch unseren Weg! Nicht zu glauben! Ich sah ihn von rechts hinter den Bäumen kommen und unsere Schlittenführerin ganz vorn bremste. Wir hielten an, um den Burschen, der beim, sofort bei Stillstand einsetzenden Gebelle der Hunde, kurz in Panik geriet, querte dann unseren Weg und verschwand im Wald.












kollektiver Winterschlaf
Was ist bloß mit den Schweden los? Sie sind nirgends zu sehen! Wenn sich mal einer draußen blicken lässt, dann, weil er seinen Hund Gassi führt.
Und die Restaurants – alle dicht! Gestern Abend, erster Weihnachtsfeiertag, wollten wir schön Essengehen, aber das auserwählte Restaurant war dann doch zu. Nebenan der Corner Pub. Bietet auch Essen an. Also rein da. Es war wirklich nicht gut. Einzig die Scheiben von Tomate und Gurke mit den Zwiebeln oben drauf, die Garnitur sozusagen, machte mich etwas an. Und ja, die Pommes waren okay.
Heute sind wir nach Jokkmokk, das auf dem Polarkreis liegt, weitergefahren. Ein kleiner Ort mit 2700 Einwohnern, aber recht touristisch, ein wichtiger Ort der hier lebenden Samen. Einige Restaurants für so einen kleinen Ort, einzig die Pizzabude hatte offen. Und die Pizza, die Kurt gestern Abend in Lulea bekommen hatte, vegetarisch, mit Oliven, Pilzen, Paprika und Ananas, alles aus der Konserve, rief auch nicht nach Wiederholung. Also rissen wir eine Dose Bohnensuppe auf.
In Norrköping hatten wir vor ein paar Tagen sehr lecker gegessen, also ich jedenfalls, Miesmuscheln in einer sehr leckeren Brühe mit Sellerie und Chillie zubereitet. Das war echt gut. Das Restaurant hieß La Vue, vielleicht gab es dort tatsächlich einen französischen Koch?
Wir haben gerade eine schwere Entscheidung zu treffen. Die Frage ist, ob wir zum Nordkapp fahren, oder nicht. Morgen fahren wir erstmal weiter Richtung Norden nach Vittangi. Dort werden wir noch einmal überlegen.
Bisher ist alles super gelaufen. Die Heizung hat in Lulela, wo wir zwei Nächte blieben, durchgebollert. Es ist allerdings dieser Tage auch nicht so richtig kalt. Also tatsächlich eher über Null Grad. Das wird sich demnächst aber ändern.
Die Polarlichter lassen auf sich warten. Heute war ein heller, wolkenloser Tag, die Sonne war kurz zu sehen, also schon mal nicht schlecht für Polarlichter. Allein, die Sonne müsste jetzt noch in Wallung kommen und Teilchen in die Atmosphäre streuen. Aber da hat die gerade kein Bock auf…
Jokkmokk und der Polarkreis. Das der Polarkreis kein Strich in der Landschaft ist aufgrund der Eierei der Erde auf ihrer Umlaufbahn hatte ich ja schon erwähnt. Dabei stellte sich mir die Frage, auf die ich aber keine Antwort fand: wie groß ist denn die Amplitude der Eierei? Also Meter, Kilometer? Heute bekam ich die Antwort, wenn für meine Bedürfnisse auch nicht exakt genug, denn ich wüsste die Breite gern für heute.
bis jetzt
vertragen wir uns. Davon abgesehen, haben wir ein paar Kilometer gerissen und gehen es jetzt gemütlicher an. Von Freitag bis Sonntag sind wir gut 1500 Km gefahren. Seit gestern, Montag, gehen wir es entspannter an, rund 200km pro Tag müssen reichen. Bisher ging unsere Route westlich der Ostsee Richtung Norden durch Schweden. Heute haben wir Lulea, ganz im Norden der Ostsee, erreicht. Hier bleiben wir bis Donnerstag.
Eigentlich wollten wir heute Abend in einen Weihnachtsgottesdienst, aber die einzige Kirche, die wir weit und breit fanden, den Dom von Lulea, war geschlossen. Vielleicht haben die Schweden es nicht so dolle mit der Kirche. Die Christianisierung fing erst spät hier an. Eine ganz interessante Geschichte, wie sich das Christentum hier in Skandinavien entwickelte.
Bislang sind wir immer auf der E4 gefahren, eine Art Autobahn. Überwiegend 3-spurig, also abwechselnd mal eine, mal zwei Spuren pro Richtung. Viel Wald, viel Gegend, viel Wasser. Und seid gestern voll der Schnee. Alles weiß. Es sieht schön aus!
Auch wenn Sonnenaufgang erst spät ist, ist zwei Stunden vor Sonnenaufgang das erste Tageslicht am Horizont zu sehen und es wird hell. Auch, wenn die Sonne untergegangen ist, bleibt es noch eine ganze Weile hell. Je weiter nördlich wir kommen, desto kürzer der Tag, d.h. Sonnenaufgang in Lulea heute um 9.56h, Untergang um 13.05h. Um halb vier heute Nachmittag war es tatsächlich stockenfinster. Wir sind zu der Zeit ein wenig durch die Nachbarschaft spaziert, aber es war kaum ein Schwede auf der Straße. Die sitzen bei der Kälte wohl auch lieber in der warmen Stube. Zumal am Heilig Abend…
Wir sitzen jetzt gemütlich in unserer wohl temperierten GERDA. Die Heizung hat schon mal schwer zu arbeiten, wenn es draußen sehr kalt wird, aber sie schafft es locker, uns warm zu halten. Und es ist unglaublich gemütlich hier. Jetzt ist Heilig Abend. Wir haben nach dem Spaziergang Bescherung gemacht und dazu einen guten Sekt getrunken, dann gab es Käsefondue und jetzt sitzen wir hier so rum. Gelegentlich sprechen wir. Miteinander. Oder auch jeder für sich. Naja.
Übermorgen geht es nach Jokkmokk. Das liegt auf dem Polarkreis, dem Wintersonnenwendekreis (mmmmh, mal wieder eines von den langen Worten…😅). Von dort fahren wir weiter Richtung Norden, bis wir die Dunkelheit erreicht haben. Dann werden wir entscheiden, ob wir ans Nordkap fahren, oder nicht. Das Nordkap war zwar ursprünglich unser vornehmestes Ziel, aber es gibt auch Argumente, die nicht dafür sprechen. Wir wollen das aber jetzt noch nicht entscheiden.
Es gab viele die sagten, im Winter, jetzt? Nach Norden? Da sieht man doch nichts. Das stimmt nicht. Man sieht eine ganze Menge. Viel Gegend, die jetzt im Winter bestimmt so spannend ist wie im Sommer, nur anders. Man sieht Schweden, meistens draußen, weil sie den Hund gassi führen müssen. Es scheint, als würde der gewöhnliche Nordländer bei diesen besonderen klimatischen Verhältnissen auch lieber im Haus bleiben.
Wir machen diese Reise, weil wir es wollten. Wegen der Polarlichter. Die sehen wir hoffentlich auch noch. Aber ein zweites Mal werde zumindest ich, nicht noch mal so weit in den Norden fahren. Auch nicht im Sommer. Es ist sicher unheimlich schön hier! Diese Natur, die Wälder, riesige Findlinge, die hier so in der Gegend herum liegen. Aber ich weiß jetzt ganz sicher: ich bin ein Kind der Sonne, der Wärme. Was wir hier machen, ist okay. „Been there, done that“, wie der Amerikaner sagt.












Skandinavien im Winter
Noch so was. Wintercamping! Dieses Wort fiel heute an der Rezeption des Campingplatzes in Umea. Als wir die freundliche Schwedin (es gibt gar nicht nur alte Schweden, sondern auch junge Schwedinnen!) danach fragten, ob denn viele Gäste kämen? Zu dieser Zeit! Sie erklärte, das wegen Weihnachten gerade viele Schweden kämen, die zu Weihnachten bei ihren Familien sein wollten, aber auch gerade viele internationale Gäste „like you“ zum Wintercampen kämen. Da war es, das Wort, das uns ins grübeln brachte. Beim Nachmittagskaffee mit diesen wunderbar leckeren Keksen von Arpker Frauen liebevoll gebacken, sprach mein lieber Kurt es aus: „Wintercamping! Nie im Leben hätte ich gedacht, dass mir so etwas passieren könnte.“ Er sprach mir sowas von voll und ganz aus der Seele, dass es mir schon unheimlich war! Denn genau das ging mir auch die ganze Zeit durch den Sinn. Aber was soll ich sagen? Solange die Heizung brummt, macht Wintercampen Spaß. Noch brummt sie, die Heizung, gegen die -10 Grad Außentemperatur gegenan. Noch sorgt sie für wohlige 20 Grad in GERDA. Morgen ist Heilig Abend.
Camping in Nordskandinavien im Winter
oder
Meine Haare sind fettig
…..ja,ja, schon klar! Duschen wird völlig überbewertet. Haare waschen eh. Aber schick soll man dann doch auch aussehen. Wenn man ausgeht. Das kommt gerade und zum Glück nicht so oft vor. Aber das ist Schnee von gestern! Heute sind wir auf einem amtlichen Campingplatz gelandet und die Haare sind gewaschen. Schon toll, so eine heiße Dusche in Sibirien!
Apropo Schnee. Wir sind gar nicht in Sibirien, sondern schon ganz schön weit im Norden Schwedens. Also, wir sind gestern Abend in den Winter gefahren. Aber was heißt hier Abend? Nur weil es dunkel ist, kann es durchaus erst 15.30 Uhr sein. Liegt wohl am Breitengrad…
Ach ja, die Breitengrade. Mein persönlicher Breitengrad wird heute Abend Chilli mit Kartoffelpü bekommen.
Die Sonnenbrillen lassen wir zu Hause
von Andrea
….denn wir fahren in die Dunkelheit, in die Polarnacht.
Wir sind jetzt in Schweden und finden keine Campingplätze. Das ist uncool, weil bei dem wenig bis gar keinen Sonnenschein unsere Solaranlage wenig bis gar keinen Strom produziert und wir somit auf Landstrom angewiesen sind. Den gibt es seltener auf Stellplätzen….Aber auf Campingplätzen. Aber die haben undurchschaubare Öffnungszeiten. Das war in Dänemark besser organisiert. Aber das ist der Kummer, der uns gerade umtreibt. Dazu kommt das ödelige Grauingraumieselpieselwetter (das schönste an der deutschen Sprache sind die langen Worte! Und mit ein wenig Fantasie kann man sie immer noch etwas länger machen. Zu meinen Studentenzeiten mit vielen Nordlichtern im Semester war das Wort Isenbahnpalapunddaldreiher das längste uns bekannte Wort in der suderburgischen Hemisphäre, aber da setz ich mit meiner Wetterbezeichnung locker noch einen drauf) und langweilige Autobahnfahrt. Tja, erwischt! Jetzt suchst Du den Anfang vom Satz🤣.
Ich kann nicht behaupten…
das es in unserem Freundes- und Bekanntenkreis viele gab, die – naja, also immer mal wieder bekam ich zu hören: ans Nordkap? Im Winter? Jetzt? Da ist es doch die ganze Zeit dunkel?! Warum?….
Tja, warum? Weil ich Nordlichter sehen will. Punkt.
Nordlichter sieht man am ehesten – im Norden. Aurora borealis ist die wunderschöne technische, oder wohl eher wissenschaftliche Bezeichnung für unsere Nordlichter. Und wenn eine wissenschaftliche Bezeichnung so ein wunderschönes Wort kreiert, dann sollte manfrau sich das ganze doch mal näher anschauen. Und deshalb bin ich hier und fahre ans Nordkap. Mit Kurt. Es war seine Idee, mir den Wunsch nach der Sichtung von Nordlichtern zu erfüllen. Und mit GERDA, unserem umgebauten Rettungswagen, kurz RTW genannt.
Ja, im Norden ist es dunkel
Ganz besonders jenseits des Polarkreises. Da wird es im Winter von irgendwann im November bis irgendwann im Februar nicht hell. Also die Sonne scheint da dann nicht. Hell ist es vielleicht bei Mondschein, der sich im Schnee reflektiert. Der Polarkreis ist da die Grenze zwischen Tag und Nacht. Die verläuft nicht schnurgerade, ist also kein Strich in der Landschaft, sozusagen, sondern ein Bereich, von dem jenseits im Winterhalbjahr die Sonne nicht mehr auftaucht. Deshalb ist es dann da dunkel. Was ich bei meinen Recherchen entdeckt habe und was ja eigentlich logisch ist, aber ich denke ja nun auch nicht andauernd über den Polarkreis nach ist, dass am Polarkreis selbst es tatsächlich nur einen, 1nen, Tag gibt, an dem es keine Sonne gibt, und das ist der Tag der Wintersonnenwende, meistens am 21. Dezember. Nördlich vom Polarkreis ist da längst zappenduster.
Alles Gebiet nördlich des Polarkreises gehört zum Nordpolargebiet. Alter Schwede, und da wollen wir hin! Also wenn das keine Reise wert ist, was dann?
Ich möchte und muss (es gibt Menschen in meinem Freundeskreis, die mich nur im Süden sehen…) dazu sagen: im ganzen Leben nicht wär ich darauf gekommen, jemals in den Norden zu fahren. Niemals!!! Nieeee nich!!! Und dann kam Kurt mit den Auror borealis – ….🥰
Reisevorbereitungen
Die Sanyanger, ein feierfröhliches Volk, Sylvester und Jungbullen
Was die nicht alkoholtrinkenden Moslem den weinseligen Ungläubigen voraus haben ist, dass sie nicht unter Kater, dicken Köppen oder sonstigen Ausfällen nach einer durchfeierten Nacht leiden, sondern nach wenigen Stunden tiefen Schlafes aufwachen, frisch sind wie die Fische im Wasser und einfach weiter feiern.
Das haben wir in dieser Zeit vom Weihnachtswochenende bis Neujahr erfahren dürfen. Jeden, mitunter auch nur jeden zweiten Abend ging in Sanyang dermaßen die Post ab, dass wir ein paar Mal hätten beschwören können, dass die gigantischen Lautsprecherboxentürme direkt unter unserem Fenster standen. Auf uns gerichtet! So laut war es. Und man feiert nicht nur gern und häufig, sondern auch lang, gern bis kurz bevor morgens um halb fünf die Muhezine über ihre schnarrenden, den Ton verzehrenden, völlig ausgelutschten Lautsprecheranlagen zum Gebet rufen.
Das würde erst recht nicht an Sylvester anders sein. Da waren wir uns sicher. Und dann kam mir eine ganz verwegene Idee. Und in verführerischem Ton hauchte ich meinem Kurt einen sensationellen Vorschlag ins Ohr: „Schatz, lass uns über Sylvester wegfahren. Es gibt da eine Lodge, die liegt ganz einsam am Fluss, weit weg vom nächsten Ort. Es sieht dort immer so schön und friedvoll aus! Wir könnten dort eine wunderbar ruhige, romantische Sylvesternacht verbringen. Was meinst Du?“ möglicherweise zogen blitzartig Erinnerungen an voreheliche Schäferstündchen in Kurts Erinnerungs- und Energiefeld auf, jedenfalls kam die Antwort sofort und es war ein klares, strahlendes „Jahhhhh!“
Also Köfferchen gepackt, Badetasche geschnappt und ab die Post! Nach 45 Minuten waren wir am Ziel. Die Stala Lodge liegt wirklich sehr abgelegen. Man fährt eine Weile durch trockenliegendes Überflutungsgebiet, so ein bisschen wie durch die Wüste, immer irgendwelchen vorhandenen Spuren folgend. Dann kamen wir an. Lamin, der Chef, brachte uns zu unserer kleinen, romantischen Rundhütte, etwas abseits gelegen vom zentralen Platz der Unterkunft und direkt am Fluss. Mit kleiner Terrasse mit Tisch und zwei Stühlen vor der Tür. Ach wie schön! Das Zimmer war nett, das Bad nicht so winzig wie sonst meist üblich in den günstigen Unterkünften, die Aussicht auf den Fluss und die Vogelwelt fantastisch, gegenüber das Ufer der Casamance, dicht mit Mangroven bewachsen. Die Nacht schliefen wir in der Stille der Natur tief und fest.
Und heute ist Sylvester. „Es kommen ein paar Leute“, sagte Lamin, „um zwölf wird sicher etwas geböllert, um eins ist die Musik dann aus. Unsere Gäste sollen schließlich nicht disturbed werden.“
An Weihnachten kamen wir an den Strand bei Jawla und hatten unsere Strandliegen eingenommen. Die Stimmung war urlauberisch. Hier Gemurmel, dort Gemarmel, von irgendwoher drangen leise Reggae Rhythmen zu uns herüber, als am späten Nachmittag plötzlich ein sehr illustres, äußerst attraktives Grüppchen Menschen den Strand von der Bar her überquerte und sich in der ersten Reihe am Strand ein paar Liegen zusammenstellte. Dieses Grüppchen fröhlicher Menschen strahlte eine unübertreffbare Lebensfreude aus. Sie ließen sich auf den Liegen nieder, wollten gern beieinander sein. Sie schnatterten und lachten ohne Pause und auch die ein oder andere mitgebrachte Rauchware machte ihre Runde. Aus ihrem auch mitgebrachten, nicht sehr kleinen Ghettoblaster erscholl die schönste Soulmusik und manche Texte sangen sie alle mit und tanzten dazu. Es war ein Bild purer Harmonie. Und nach zwei Stunden verschwanden sie wieder. Das empfand ich als sehr schade. Es ging eine einzigartig fröhliche und friedvolle, lebensbejahende Stimmung von ihnen aus, und sie waren einfach schön anzusehen.
Es war wohl eine Gruppe Jamaikaner, die in UK leben und hier nach Gambia zu ihren Wurzeln zurückkehrten, zumindest für die Zeit eines Urlaubs. Viele Jamaikaner haben gambische Wurzeln. Deshalb ist auch der Reggae hier die vorherrschende Musikrichtung.
In der Stala Lodge kam am Sylvestermorgen ein Auto auf den zentralen Platz gefahren und parkte ganz selbstverständlich vor unserer Nachbarhütte (und nicht wie wir auf dem „Parkplatz“ (please, Park your car correctly)) die etwas größer war als unsere, wohl eine Familienhütte. Sie hatten zwei Kinder dabei. Es waren Libanesen. Der Vater und die Kinder begrüßten uns freundlich, die Mutter verschwand ungesehen im Zimmer. Der Vater lud unzählige Angelrouten aus dem Auto und verfrachtete sie in sein Boot am Flussufer. Außerdem kleinere und größere Kühlkisten, die unterschiedlich schwer zu sein schienen, Sechsergebinde großer Wasserflaschen. Dann setzte er sich in sein Boot, startete den Motor und verschwand flussaufwärts.
Kurt und ich tingelten so durch den Tag, machten mit dem Taxiboot einen kleinen Ausflug zum Nachbarort, saßen dann lange am Fluss, betrachteten die Boote, die kamen und gingen, die vielen Vögel, die Kingfischer und verschiedensten Reiherarten, die sich auf dem gegenüber liegenden Flussufer nach Nahrung umsahen, und später mit der App SkyView Lite die Sterne über uns, allen voran Jupiter, der hell wie immer leuchtete, und verschiedene Sternenbilder. Dann war das Buffet eröffnet und wir gesellten uns mit unseren vollen Tellern zu Thomas, der von Hannover mit seinem umgebauten Unimog bis hierher gefahren war. Wir hatten einen schönen Abend mit interessanten Gesprächen über Autos und gegen elf gingen wir zu unserer Hütte zurück. Wir waren alle müde und bis Mitternacht aufzubleiben war keinem von uns so wichtig.
Zurück bei unserer Hütte hatte sich die Libanesenfamilie auf zwanzig, dreißig Personen vergrößert, einschließlich einiger kleinerer Kinder. Die Frauen verschleiert, die Männer nicht. Sie hockten alle eng beieinander vor ihrer Hütte und die Welt um sie herum schien sie nicht sonderlich zu interessieren.
Um zwölf sollte Knallerei kommen und um eins wollte Lamin die Musik abstellen. Das fanden wir nicht nur gut, sondern auch nachvollziehbar, bei den ganzen Kindern. Und tanzen tat von denen sowieso niemand. Andere Gäste waren nicht da. Also eine ganz beschauliche, ruhig-romantische Sylvesternacht.
Um zwölf wurde Geballert. Ein paar gewaltige Chinaböller explodierten so gewaltig laut und hell, dass mir im Bett Angst und Bange wurde. Schließlich sind es da draußen Libanesen…Aber dann war die Knallerei vorbei und ich dachte: „Noch eine Stunde, dann ist die Musik aus und Du kannst schlafen.“
Gegen viertel vor eins hörte ich Männerstimmen direkt vor unserem Fenster. Weil sie nicht verschwanden schaute ich hinaus, was da los sei und da standen ein paar der libanesischen Männer vor unserem Fenster und quälten offensichtlich ein Tier, es sah aus wie ein Affe, dan sie am Schwanz festhielten.
Sehr, sehr aufgebracht rannte ich raus und was ich sah war nicht ein Affe, der gequält wurde, sondern ein Jungbulle, dem man unter unserem Fenster gerade die Kehle durchschnitten hatte. Mit meiner Taschenlampe erhellte ich diese schreckliche Szene und schrie sie an, ob sie denn wohl total irre geworden sind, und dass sie dieses Tier von unserer Hütte wegschaffen sollten. Die vollkommen überraschten Schlächter standen im Lichte meiner Taschenlampe wie angewurzelt da und starrten mich an, als wäre ich ein Geist, eine Erscheinung aus dem Off. Als ich dann das lange, blutverschmierte Messer in der Hand des Einen sah, entschied ich mich, Lamin zu rufen. Zusammen mit Lamin ging sehr schnell zurück zu dem Schauplatz und Lamin hatte mit seinen kurzen Beinen Last, mit mir Schritt zuhalten. Zurück am Tatort hatte man das noch immer nicht tote Tier etwas von unserer Hütte weggezogen, aber ich schimpfte alles, was mein englisches Vokabular hergab und Lamin immer nur: sorry, sorry. Und stand da wie ein begossener Pudel vor unserer Zimmerterrasse. Ein dreifaches sorry war hier irgendwie nicht mehr genug. Und erst recht nicht, als die Libanesen eine halbe Stunde später zwischen unseren beiden Hütten ein Feuer entfachten, das Tier auseinander hackten und an zu kochen fingen, laut erzählend, die Kinder kreischend und tobend dazwischen.
Um viertel vor zwei beschlossen Kurt und ich unsere Sachen zu packen und nach Hause zu fahren. Die würden bis zum Morgen kochen und essen und feiern und quatschen, das war absehbar. Wir hatten einfach von allem genug wollten nur noch weg von hier. Deshalb packten wir unsere Sachen, legten ein paar Scheine für Lamin aufs Bett und verschwanden mitten in der Nacht. Von diesem romantischen Ort.






