Es regnet!

Und schon ist es wieder vorbei. Oder doch nicht?

Gestern und heute war es wirklich heiß. Blitzblauer Himmel. „Whats your Name?“ werde ich immer wieder gefragt. Heute gab ich auf diese Frage wieder meine gut-Wetter-Antwort: I forgot. – You forgot your Name? – Yes I forgot! It‘s too hot! My brain is boiling ! You unterstand? – Meistens versteht man es, weil es in Germany ja nicht so heiss wird, wie hier. Dann bin ich fein raus, aus der Nummer.
Aber jetzt sind Wolken aufgezogen und es regnet ein wenig. Dafür kein Lüftchen mehr.
Wie immer, wenn ich abends in meiner Hütte sitze, beschlagen mir die Brillengläser. Es ist so heiss. Unser wunderbarer Ventilator muss leider aus bleiben. Die Solaranlage schafft nicht mal mehr genug Strom, um den Kühlschrank am Laufen zu halten. Darin wird es dann so warm, so das sogar die dicken Eiswürfel im Gefrierfach auftauen (der Regen hört gerade wieder auf, aber ein frisches Lüftchen zieht gelegentlich durch die Fenster). Brille absetzen, Gesicht trocken wischen.

Da klopfen zwei Herzen in meiner Brust. Das eine wünscht sich möglichst viel Sonne, damit der Kühlschrank läuft. Den habe ich jetzt gezielt leer gegessen. Nur noch Flaschen mit alkoholischen und nichtalkoholischen Getränken befinden sich darin, eine Dose Thunfisch, ein Snicker und ein Raider. Es kann also nicht mehr viel kaputt gehen. Die letzten Eier habe ich heute Morgen vorausschauend gekocht, und die halten sich so ja ein Weilchen.
Das andere Herz erhofft sich Abkühlung durch den Regen. Aber dann ist es bewölkt, und die Solaranlage produziert noch weniger Strom…
Jetzt ist es dunkel. Das geht ja schnell hier. Um halb acht geht jetzt die Sonne unter, um acht ist es zappenduster. Da kann ich jetzt auch nicht mehr sehen, ob mehr Regenwolken im Anmarsch sind. Hin und wieder geht ein Lüftlein durch die Fenster.

Kein Strom, kein Internet, keine Sonne, kein Auto….

Der heutige Morgen hat mich aber ganz schön gefordert. Während um 5 Uhr der Muezzin noch betete, piepte der Alarmton von der PV Anlage. Batterie leer. Pateh schien fest zu schlafen. Also ging ich rüber, stellte den Inverter ab und wieder ins Bett. Aber mit Schlaf war jetzt nicht mehr viel.
Der Strom der einen Solaranlage gerät nicht in die Batterien. Da bin ich mir sicher. Möglicherweise ist irgendwo eine Verbindung lose. Bei Licht würde ich mal die Kabel draußen unter die Lupe nehmen. Nur eine Solaranlage bei den momentanen Wetterbedingungen, bzw. bedecktem Himmel, das reicht nicht.
Als ich dann aufstehe, alles aus und nahezu leer. Die Handys, iPad, Huawei (mobiler Browser für Internet Verbindung), Kühlschrank. Alles aus und leer. Mit meinem Notakku lade ich Handy und Huawei etwas auf, aber das Handy findet Huawei nicht. iPad und Afrikahandy finden auch keinen Huawei. Was ist das für ein Scheiss?! Kein Strom, kein Internet, kein Auto und bedeckter Himmel! Ich will nach Hause!
Jetzt ruf ich mal Momodou an, ob er einen Elektriker bringen kann. Zwanzig Minuten später ist er mit einem Elektriker hier. Wie ich später von Pateh erfahre, ist der Bursche derjenige in Sanyang, der die PV Anlagen installiert. Er ist der Einzige. Er kennt sich aus.
Der Typ öffnet sein Köfferchen mit allerlei Werzeug drin, und misst erstmal. Das halte ich für einen guten Anfang. Und dann stellt er fest, Ass kein Strom in die Batterie gelangt! Und, dass das eine Kabel, das von außen kommt und in den Charging Controller an der Wand geht, dass das locker ist und etwas herausgerutscht. Meine tagelange Vermutung bestätigte sich also. Cool. Er schraubt das fest und einen Augenblick später kann ich beobachten, wie geladen wird. Gott sei Dank!
Alles wird aufgeladen. Der Kühlschrank kühlt wieder. Allerdings glaube ich, nein, ich bin mir eigentlich sicher, dass der Kühlschrank einen Schlag weg hat und auf Dauerbetrieb läuft. Das zieht natürlich unnötig viel Strom. Aber daran kann ich jetzt auch nichts ändern.
Beim Frühstück denke ich über Huawei nach. Es ist doch merkwürdig, dass alle drei Geräte ihn nicht finden. Also als erstes einen reboot bei den Mobilgeräten machen. Hat nichts gebracht. Ist Bluetooth eingeschaltet? Alle drei Geräte positiv. Tja, dann kann es doch nur daran liegen, dass beim Huawei Bluetooth aus ist. Also Huawei noch mal ganz genau angeschaut, noch mal aus, dann wieder angeschaltet und einen bösen Blick aufgelegt und siehe da? Huawei blinkt und rattert und zack, macht er wieder Internet. Und zack, haben sich die drei Mobiltelefone mit ihm verbunden.
So. Jetzt gehts mir besser. Wär doch gelacht, wenn ich mich von sonn par kleinen Pannen am frühen Morgen den Tag verderben liesse?

Michael Mittermeier, Comedian

Michael Mittermeier hat den Ausdruck „Arschlochkinder“ kreiert. Und schon höre ich das aufstöhnen des geneigten Lesers: wie kann man? Kinder- die können doch nicht – doch! Und jetzt melde ich mich zu Wort. Sie können! Und wie die können. Die Kinder, die Arschlochkinder, die Mittermeier meint, und die ich meine.
Aber fangen wir mit den lieben, den echt süßen, höflichen, netten, freundlichen, lustigen Kindern an. Die rufen, wenn sie hier am Grundstück vorbei laufen und mich sehen so etwas wie: you are beautiful! Dann ruf ich zurück: you too! Oder die Mädchen, die kürzlich, als ich vom Strand kam, aus ihrem Gartenacker kamen, und Tomaten, Zwiebeln und Mangos geerntet hatten und mir zwei Mongos schenkten. Sie sprachen noch nicht mal englisch. Oder die süße Kleine, die mir der eine Sohn vom hiesigen Obi in den Arm drückte, damit er meine Sachen aus den Regalen holen konnte, die ich brauchte. Die Kleine, Adama, fand meine Ohrringe ganz besonders toll. Und so gibt es ganz viele Kinder, die einfach furchtbar niedlich sind.
Und dann gibt es die anderen, die jeden Tag, wenn sie aus ihrer Coranschule und hier am Tor vorbei kommen, so lange gegen das Tor bollern, bis ich aufstehe. Dann rennen sie weg. Aber auch erst dann. Sie bollern so lange, und vor allem immer heftiger, durchaus auch mit Steinen in der Hand gegen das Tor, bis ich zum Tor gehe. Bei uns nennt man das Klingeljagdt. Haben wir als Kinder an Geburtstagen gemacht. Ein- zwei Mal klingeln und ab dafür. Aber diese A-Kinder können mich durch einen Schlitz im Hoftor beobachten, und bollern so lange und richtig heftig gegen das Tor, und hören nicht eher damit auf, bis ich Richtung Tor gehe. Dann geben sie Fersengeld, diese kleinen Feiglinge. Oder diese kleinen Blagen, die in Trauben hinter mir herlaufen und ohne Unterlass Tubab, Tubab (Ausdruck für Weiße) rufen, oder Minti, Minti! Das bedeutet, sie wollen einen Minzbonbon. Keine Ahnung, wer ihnen das beigebracht hat. Diese Sorte Kinder ist extrem unangenehm und nervig und vollkommen respektlos, wobei die Mintikinder noch die Lieberen sind.
Und dann gibt es noch die kleinen Pupser, die brav an ihrem Platz sitzen und winken und hoffen, dass der/die/das Tubab zurück winkt. Die sind auch süß.

Familienmitglied

Als ich heute Abend vom Strand komme und zu Fuß von der Garage (Bushaltestelle und Taxistopp) zum Haus gehe, sitzt wie immer Lamin auf den Treppenstufen vor seinem kleinen Shop. Kurz bevor ich ihn erreiche, begegnet mir ein älterer Herr und grüßt mich auf Französisch und lächelt mich an, ganz besonders, als ich ihn ebenfalls in französisch zurück grüsse.
Und dann: hallo Lamin, wie gehts? – gut, und Dir? – Auch gut. Ich habe heute mein Auto verkauft. Deshalb laufe ich. – Das ist großartig. Seit ich Dich sehe freue ich mich. Du machst es wie die Afrikaner und gehst zu Fuß! Das ist toll, das gefällt den Leuten hier. Du hast Zeit, die Menschen zu grüßen, und nicht einfach nur im Auto an ihnen vorbeizufahren. Klar, Du hast ein Haus hier, bist oft hier und ja schon so etwas wie eine von uns? Aber jetzt, wenn Du hier zu Fuß gehst, bist Du eine aus unserer afrikanischen Familie. Gold bless you. – Oh, Danke. Freut mich. Hab einen schönen Abend! – Ja, Du auch!
Tja, Mensch ———was soll ich sagen? Ist doch was.

Die Wolken am Südhimmel haben sich aufgelöst. Diese Nacht wird es keinen Regen geben.

Das Auto ist weg

…und 80.000 Dalasi habe ich auf den Tresen der Bank gelegt. Das Zählen dauerte 20 Minuten.

Mustafa the plumber hat das Auto gekauft. Schon seit zwei Jahren kaut er mir die Ohren ab, will, dass ich ihm das Auto verkaufe. Letzten November haben Kurt und ich dann entschieden, das Auto zu verkaufen, nicht zuletzt, weil ich insbesondere in den ersten zwei Wochen, die ich hier noch ohne Kurt war, so furchtbar viele, durchaus ernsthafte Probleme mit ihm hatte. Nicht nur, dass auf wundersame Weise die Batterie sich aus dem Staub gemacht hatte, es war außerdem die Bremsleitung gerissen, was wirklich nicht komisch war, und dann war vorne links an der Radaufhängung etwas gebrochen und musste geschweißt werden. Es war also die Stunde des Mustafa gekommen. Wir setzten den Preis fest, fixed Price, no bargening, setzten einen Kaufvertrag auf, am 15. Juni 2023 kannst Du das Auto bezahlen und mitnehmen. Seid dem schickte mir Mustafa in unregelmäßigen Abständen vollkommen inhaltsleere Sprachnachrichten per WhatsApp. Er wollte in Erinnerung bleiben. „How is the weather? Here ist is hot“. Heute hat er es nun abgeholt. Ich habe bis zum letzten Dalasi, den ich gezählt habe (auch sicherlich 20 Minuten lang) nicht geglaubt, dass er das Geld vollzählig dabei hat. Hatte er aber.
Und wenn wir in Deutschland ein Auto verkaufen, putzen und wienern wir es, damit es einen tollen Eindruck macht. Das konnte ich mir wohl gerade noch verkneifen. Zumal das Auto wohl merkte, was ihm bevor steht, und überhaupt nicht gemuckt hat. Ich stellte ihm also die dreckige Karre auf den Hof, zeigte ihm, wo Schlauch und Wasserhahn sind, gab ihm Eimer und Omo und dann machte er sich daran, aus der Dreckskarre ein Schmuckstück zu machen. Was ich ihm übel nehme: er hat das Wackellama und das Wackelalpaka vom Amaturenbrett gebrochen, und in vielen kleinen Teilen achtlos auf den Boden geworfen. Diese beiden kleinen treuen Wackelraxker hatten uns einst von Arpke, ganz durch die Sahara bis nach Sanyang begleitet. Und nun lagen sie da, achtlos in den Dreck geworfen. Das hatten sie nicht verdient!

Deja vu

Es ist wie ein deja vu. Wie vor über 30 Jahren, als ich im Norden Togos meine erste afrikanische Regenzeit erlebte. Wir, das sind mein damaliger Ehemann Andrew und ich, lebten im hohen Norden Togos, in Dapaong, von den Einheimischen auch Dapango genannt. Am Ende der Trockenzeit erreichten die Temperaturen tagsüber 45 Grad Celsius, nachts kühlte es kaum unter 30 Grad ab. Ich nahm mir dann eine Matratze aus dem Gästezimmer und legte sie unter den Deckenventilator im Wohnzimmer, weil es zu zweit in einem Bett nicht auszuhalten war. Eines späten Abends begann ein gewaltiges Gewitter, Blitz und Donner dröhnten uns um die Ohren, ein beängstigender Sturm fegte über uns hinweg. Der Regen, der von Süden her kam, war buchstäblich zu riechen. Jetzt musste es endlich regnen! Wir standen aus den Betten wieder auf, stellten unsere Terrassenstühle in den Garten und warteten auf den Regen. Man roch ihn, man spürte ihn im Geiste und erwartete die so sehr ersehnte Abkühlung. – Kein einziger Tropfen erreichte diese Nacht Dapango. Es wurde einfach nur noch heißer. Als es dann ein zwei Tage später endlich regnete, gab es aber noch längst keine Abkühlung. Dafür stieg die Luftfeuchtigkeit ins Unerträgliche, die Regentropfen verdunsteten, bevor sie den Boden erreichten. Aber dann, nachdem der Regen eingesetzt hatte, kühlte es sich derart ab, dass wir, obwohl immer noch über 20 Grad am Abend, wir Entwicklungshelfer mit Schal und Jacke in der Freiluftkneipe saßen und dem Barkeeper erklärten, wie Grog geht. Und bekamen das wärmende Getränk auch prompt.

Hier ist es gerade ähnlich. Seit Tagen ist es bewölkt, reißt dann aber ab Mittag wieder auf. Vormittags steht die Luft. Eigentlich ist es gar nicht so heiss, aber die stehende Luft und die hohe Luftfeuchtigkeit treiben mir den Schweiss derartig ins Gesicht, dass mein Verbrauch an Tempos zum trocken wischen deutlich gestiegen ist.
Alle sind ganz aufgeregt wegen der anstehende Regenzeit. Hier in Gambia kommt der Regen aus Richtung Osten, Südosten. In Basse, tief im Inneren Gambias, in Patehs Heimat, hat es gestern so heftig geregnet, dass bereits die ersten Lehmhütten zusammen gebrochen sind. Wenn der Regen zu heftig ist, weichen die Lehmhütten unten auf und dann war’s das.
Heute Nachmittag war dann aus Richtung Süden Donnergrollen zu hören. Aber wie es scheint, zieht das Wetter an uns vorbei.
Gestern Abend konnte ich nicht einschlafen. Es war einfach zu heiss, 29 Grad im Haus. Wegen der nicht so hohen Stromproduktion beim bedeckten Himmel halte ichbmich mit dem Stromverbrauch zurück und schalte den Ventilator abends nicht ein, sondern öle vor mich hin, geh dann vorm Schlafen noch mal kurz unter die Dusche. Gestern Abend lag ich schon im Bett, aber es war so heiss, dass ich dann noch mal kurz unter die Dusche und dann nass vorm Ventilator bin. Ein alter Trick. Danach hat’s dann auch mit dem Schlafen funktioniert.

Von Saana, Baobas und Dschins

Saana kenne ich schon ziemlich lange. Eigentlich, seit dem ich angefangen habe, unser Haus zu renovieren. Wie alt er ist weiß ich nicht. Aber er ist körperlich behindert und auch geistig. Er hat gewaltige O-Beine und deshalb einen ganz komischen Gang, ein verkrümmtes Handgelenk, die wenigen Zähne in seinem Mund stehen schief, sind aber strahlend weiß. Er scheint mich sehr zu mögen. Wenn ich ihm begegne, meist mit dem Auto irgendwo im Dorf, brüllt er über die ganze Straße ein lautes, aber herzliches „Hello“, so dass sich alle nach ihm und mir umsehen. Wenn er mich mal wieder gesehen hat, erzählt er den Leuten „Andrea ist da!“ Manchmal drückt er sich in Sichtweite herum und beobachtet mich, wenn ich draußen im Garten bin.
So auch vor einigen Tagen. Ich sah ihn, dann beobachtete ich Pateh und Ali, die gerade auch draußen waren, wie sie Sanaa beobachteten. Weil ich zu Saana sehr unterschiedliche Einschätzungen gehört hatte, stellte ich mich erstmal dumm und fragte ich die beiden, was mit dem, also Saana los sei. Da versuchten sie mir das irgendwie zu erklären: Nunja, der ist anders, als andere. – okay, ich kenne Saana ein bisschen. Aber warum beobachtet ihr ihn. – Na, weil er da schon eine ganze Weile steht. – Ja und? – Pateh: der ist anders. Der ist als ganz normales Kind geboren, aber gleich nach der Geburt kam ein Dschin und hat ihn ausgetauscht gegen dieses andere Wesen. Er ist okay. Aber anders. Er tut nichts.
Der Dschin also. Na gut. Kann ja mal passieren.

Heute traf ich Jawla am Strand. Ich kam von einem langen Strandspaziergang zurück und er fing mich an der Rezeption ab. Und er verwickelte mich in ein Gespräch. Es war heute bewölkt, bestes Wetter für einen Strandspaziergang. Ja, meint Jawla, es wird jetzt wohl bald der Regen beginnen. Und dann erklärte er mir, das man das an ein paar bestimmten Bäumen erkennen könne. Das hätte er schon von seinem Vater und seinem Großvater gelernt. Wenn die Früchte vom Metrobaum sich braun färben, dauert es noch zwei, drei Wochen, dann beginnt es zu regnen. Die Früchte wären jetzt braun. Auch beim Baobab wär das so. Der wirft irgendwann die Blätter ab, um Energie zu sparen. Aber dann kommen neue Blätter. Und wenn die eine Größe erreicht hätten, das sich Tauben hinter ihnen verstecken können, dann wär es soweit und der Regen würde ziemlich bald kommen. Da kam mir mein kleiner Baobab in Erinnerung, der bei mir in Arpke im Wohnzimmer steht. Der hat nämlich genau zu einer komischen Zeit, nämlich schon im April um meinen Geburtstag herum, die ersten neue Blätter bekommen. Und nach meiner Ankunft hier habe ich beobachtet, das die Baobabs hier auch gerade neues Laub bekommen. Und ich erzählte Jawla von meinem kleinen Baobab, und das ich mich wunderte, das er gerade Blätter bekommen hätte, obwohl bei uns die Bäume erst im Mai so richtig loslegen. Und das das irgendwie tief in den Bäumen verankert zu sein scheint. Jawlas Antwort darauf war ernüchternd einfach. Das liegt an den Dschins. Die leben in den Bäumen und sagen ihnen, wann’s los geht. – Alter! Ich habe nicht nur einen Baobab, sondern auch gleich noch einen Dschin in der Wohnung!

Was ein Dschin ist? Am besten den Baobab fragen?

Suleiman

…das ist mein Nachbar zur Rechten.


Suleiman ist schon seit Tagen schwer am Arbeiten. Bevor die Regenzeit einsetzt, muss der Acker hergerichtet werden. Heute harkt er alles Laub zusammen und wird es heute Abend abflammen. Das wird ne schöne Räucherei geben…

Gerade hatte ich eine nette, kleine Unterhaltung mit ihm. Seine Mutter hat in unseren ersten ein, zwei Jahren hier das Feld bestellt, aber nun ist sie zu alt. Danach passierte nicht viel, aber Suleimans Frau will jetzt hier Gemüse anbauen, und deshalb räumt er jetzt auf, will die Umzäunung ausbessern. Er spricht ganz passabel Englisch. Deshalb wundere ich mich, als er mich eben fragt, ob in Deutschland auch die Sonne scheint. Ich war mir nicht sicher und fragte noch drei Mal nach. Aber das war seine Frage: scheint in Deutschland auch die Sonne? Gibt es dort auch Mangos, Ölpalmen und Bananen? Nein? Dann gibt es keine Gärten bei Euch? Doch Suleimann, wir ernten…und dann zählte ich ihm das Gemüse und Obst auf, dass es hier auch gibt, was er also kennt. Das beruhigte ihn dann. Und ich erzählte ihm, das wir Mangos und Bananen, Orangen und Zitronen bei uns im Supermarkt kaufen können. Das fand er dann ganz gut. Lustige Begegnung….

Zurück nach Sanyang

Donnerstag Morgen um sechs, mit Ende des Gebetes in der Mosche stand ich auf. Banna wollte mich kurz vor sieben abholen, damit ich den Super Express Bus nach Brikama kriege, der irgendwann zwischen sieben und halb acht hier in Janjanbureh Halt macht. Und tatsächlich saß ich um viertel nach sieben im klimatisierten Bus mit nur vier Sitzen in einer Reihe. Sofort ging es wieder weiter und tatsächlich war der Bus um viertel nach elf in Brikama und noch mal eine Dreiviertel Stunde später saß ich in meinem Garten. Geht doch!

In Kunting

Hier ist Banna geboren und aufgewachsen. Als wir in Kunting ankommen, fahren wir an einem Gehöft vorbei. Hier bin ich geboren und meine ersten drei Jahre aufgewachsen, sagt er und fährt weiter. Der Compount gehört wohl nicht mehr der Familie.

Dann kommen wir zum nächsten Compount, dem seines Onkels.
Als Banna drei Jahre alt ist, heiratet seine Mutter einen neuen Mann. Sein Vater war wohl kein guter Typ, seine Mutter trennte sich von ihm. Er ist schon vor ein paar Jahren gestorben.
Seine Mutter gab Banna zu ihrem Bruder, seinem Onkel. Dort wuchs er dann auf. Onkel, seine Mutter und Mama (die später in Bannas Lebe noch eine Rolle spielt) sind Geschwister, same Father, same mother. Seine Mutter ist, wie hier üblich, zu ihrem neuen Mann gezogen, sehr weit weg von Kunting. Bei seinem Onkel und dessen erster und zweiter Frau wuchs Banna auf, bis die dortige Schule nichts mehr zu bieten hatte, also es gab dort nur Unterricht bis Grad sechs, da schickte ihn sein Onkel nach Janjanbureh zur Armitage School, eine Schule, an der man Abitur machen kann. Während dieser Jahre lebte Banna bei seiner Tante Mama und ihrem Mann Kassim, den ich auch vor zehn Jahren kennenlernen durfte. Er war damals bereits erblindet, hoffte aber noch auf Augen OP, besuchte verschiedene Ärzte, auch in Dakar im Sengal. Leider konnte niemand ihm helfen.
Kassim war als Tierarzt unterwegs, ohne je studiert zu haben. Aber er lernte von seinem Vorgänger mit Großvieh umzugehen und zu heilen, besuchte Workshops und bildete sich so weiter. Als er im Rentenalter war erblindete er am grauen Star. Vor zwei Jahren hatte er einen schlimmen Schlaganfall und starb vor anderthalb Jahren. Ich mochte und schätzte Kassim sehr. Aber der Schlaganfall hatte ihn zu einem absoluten Pflegefall gemacht. Mama tat ihr Bestes und litt sicherlich sehr unter seinem vollkommen veränderten Zustand. Auch Banna litt unter dem körperlichen und geistlichen Verfall seines Onkel Kassim, den er wirklich sehr mochte, und dessen Tod war denn doch eine echte Erlösung.

Das Gehöft seines Onkels in Kunting hat mich sehr beeindruckt. Es ist alles sehr sauber, aufgeräumt, organisiert. Nachdem ich das Hoftor passiere, ist links eine kleine Einzäunung von ca. 2 x 3 Meter für die Schafe und Hühner. Der Einzäung schließt sich ein kleines Lehmhäuschen an, auch etwa 3×3 Meter. Dieses Häuschen war für Banna gebaut. Wenn die männlichen Nachkommen ins Teenageralter kommen, bekommen sie Ihre eigene Unterkunft, dürfen nicht mehr im Haupthaus bei den anderen Familienmitgliedern schlafen.
An dieses Häuschen schloss sich eine größere Fläche von ca. 150 Quadratmeter an, auch ordentlich eingezäunt. Dies ist der Gemüsegarten.
Das Wohnhaus ist um die 20 Meter lang, besteht aus mehreren Zimmern mit Glasfenstern. Das soll hier extra erwähnt werden, denn Glasfenster sind teuer und man sieht sie hier auf dem Land eher selten. Über die gesamte Hausbreite zieht sich eine erhöhte Terrasse mit einer Tür zu jedem Zimmer. Angrenzend an die Terrasse gibt es eine erhöhte, überdachte Plattform aus Beton. Unterm Dach hängen mehrere Moskitonetze. Hier schläft die Familie, wenn es in der heissen Jahreszeit, also jetzt, im Haus zu heiss zum Schlafen ist.
Mitten im Hof steht ein großer, Schatten spendender Baum mit einer weiteren, allerdings hölzernen Plattform. Als wir kommen wird darauf eine Matte ausgerollt, auf der wir Platz nehmen. Im Schatten dieses Baumes ist spielt sich hauptsächlich das Leben ab. Hier wird geklönt, Essen vorbereitet; hier stehen im kühlenden Schatten zwei in feuchte Tücher eingewickelte Wasserkanister. Die feuchten Tücher halten durch die Verdunstungskälte das Wasser kühl. Auf einer Bank stehen 5 weitere Wasserkanister, allerdings leer. Es gibt im Dorf keine private Wasserversorgung, sondern das Wasser muss von zentralen Zapfstellen herbei geholt werden.
Auch im Hof steht kopfüber ein großer Holzmörser zum Reisstampfen, um den Reis von seinen Schalen zu trennen. Die Küche ist in einem Gebäude neben dem Wohnhaus untergebracht. Es gibt keine Wandschränke, oder überhaupt Schränke, nur ein paar Schüsseln, Töpfe und Kellen, alles fein sauber aufgereiht.
Leider bin ich zu zurückhaltend, was das Fotografieren von Menschen und privaten Einrichtungen betrifft. Ich stell mir immer vor, wie ich reagiere, wenn Menschen bei uns Fotos machen wollen. Einige Bereiche dürfen sie gern fotografieren, andere nicht. Grundsätzlich mag ich es nicht so gern. Ich hätte die Menschen ja fragen können, aber ich hab’s gelassen. Diese Beschreibung soll meine Erinnerung wach halten, mehr nicht.
Jedenfalls hab ich mich sehr gefreut, dort zu Gast gewesen sein zu dürfen. Es war schön bei Bannas altem Zuhause und seinem Onkel und dessen zweite Frau (die erste lebt nicht mehr). Es ging sehr fröhlich, freundlich und warmherzig zu.
Natürlich folgte dann noch ein kurzer Spaziergang zur Krankenstation und zur Schule, die jetzt ein paar mehr Alterstufen beheimatet. Bei der Krankenstation ist gerade Mutter-Kindtag und viele, sehr viele Frauen mit Babys und kleinen Kindern, teilweise auch schwanger,  waren dort. Es gibt dort nur eine ausgebildete Krankenschwester. Heute war ein Arzt aus Bassa angereist, um die Mütter und Kinder zu untersuchen.

In der Schule war gerade Mittagspause und die Kinder saßen teilweise im Schulhof und mümmelten ihr Mittagessen, andere spielten und ich musste wohl fünfzig Hände abklatschen. Die Kinder hier haben sicher nicht so häufig Kontakt zu Weißen und waren überwiegend höflich und freundlich. Das ist in Küstennähe, wo es viele Weiße gibt, ganz anders.
Es war ein sehr, sehr schöner Ausflug.